Intifada heißt also Abschütteln - Und was noch?

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Intifada heißt also Abschütteln - Und was noch?

Beitragvon jhc » 17. Jul 2017, 17:38

Antwort auf den WIZ-Frosch Post vom 04.07.2017 mit dem Titel " Intifada heißt Abschütteln":

Intifada bedeutet also einfach Abschütteln. Soweit die korrekte
Wortbedeutung. Intifada bezeichnet aber auch ganz real, spezifisch und
historisch den gewaltvollen, palästinensischen "Widerstand" gegen Israel
in Form von Selbstmordattentaten und Schussüberfällen der den
hundertfachen Tod von israelischen Zivilisten und sogenannter
"palästinensischen Verrätern" zur Folge hatte. Auf diese Form von
menschenverachtenden "Widerstand" bezieht sich meiner Einschätzung nach
jeder positiv der diesen Begriff verwendet.

Aber wir brauchen auch eigentlich gar nicht zu diskutieren was Intifada
bedeutet hat oder bedeuten könnte. Wichtig ist was hier als "Sieg"
dieser Intifada ausgegeben wird.

Der Internationalistische Block benennt dieses Ziel ja in seinem
Text ganz offen: "Ja. Wir wollen den Staat Israel abschaffen." Und wer
das fordert der _will_ vielleicht nicht das "alle Juden*Jüdinnen ins
Meer getrieben werden". Aber er*sie würde diese Vernichtung auf Grund
ideologischer Verblendung billigend in Kauf nehmen. Denn der Staat
Israel, der hier als "bürgerliche Ethnokratie" verteufelt wird, ist ein
notwendiger, (demokratischer!) Schutzraum für Jüd*innen (und übrigens
auch palästinensisch-arabischen Minderheiten die ihre eigene regressive
Gesellschaft satt haben) inkl. einer Armee zu dessen Selbstverteidigung.
Und ein solcher Schutzraum ist er nur wenn er ein _jüdischer Staat_
bleibt. Ja, das ist die Grundüberzeugung des Zionismus für den sich
auch, in unterschiedlichen Spielarten, zahlreiche Kommunist*innen und
Anarchist*innen v.a. in den verschiedenen Kibbuzim stark gemacht haben.

Und ja, diese Idee mag sich unbequem und widersprüchlich anfühlen. Aber
so ist Politik nun manchmal. Denn angesichts der jahrhundertelangen
Geschichte des Antisemitismus und der Shoah sowie der Tatsache, das
Israel real von Feinden die ganz ausgesprochen "alle Jüd*innen ins Meer
treiben wollen", umgeben ist und sich als palästinensischen
Verhandlungspartnern mit entweder islamistischen Fundamentalist*innen
von der Hamas oder einer ebenfalls Selbstmord-Attentäter-huldigenden
Fatah konfrontiert sieht, gibt es da kaum eine andere Lösung. Selbst
eine Zwei-Staaten-Lösung liegt unter diesen Bedingungen in weiter Ferne.
Eine Ein-Staaten-Lösung jedoch bedeutet nichts anderes als eine
palästinensisch-arabische Mehrheit die einer jüdischen Minderheit in
Kürze den gar ausmachen würde. Sie geht damit vollkommen an den
(anti-semitischen) Realitäten und den historischen Bedingungen, wie wir
sie im Nahen Osten (leider) vorfinden, vorbei.

In diesem Sinne treffen auch die Artikel von Ökolinx und der taz des
Pudels Kern und kritisieren zurecht den, ja, in seiner letzten
Konsequenz doch antisemitischen Aufruf des Internationalistischen Blocks.
jhc
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Re: Intifada heißt also Abschütteln - Und was noch?

Beitragvon qui » 17. Jul 2017, 18:58

hier die Anmerkungen eines Laien, nicht politikwissenschaftlich gebildet und daher nicht fundiert - aber oft hilft ja der Blick eines Außenstehenden weiter, wenn die Fachleute ihre Scheuklappen nicht mehr loswerden ;-)
Also völlig unqualifiziert was ich da sage, aber vielleicht trotzdem nicht ganz dumm? Erweiterter Blickwinkel sozusagen? Vielleicht gar die "Präparatespritze" der Nahostdebatte? ;-)


Was du da oben schreibst heißt für mich auf gut deutsch gesagt, die Situation im Nahen Osten mit ihren kolonialistischen, künstlich konstruierten Staatsgrenzen ist nun einmal unweigerlich menschenrechtsverletzend und unmenschlich und zwar von beiden Seiten?
Darauf könnte man sich doch mal einigen - jeder Mensch, der eine der beiden (oder vielen) Seiten unterstützt, macht sich also mitschuldig an krassen Inhumanitäten, die auch bekannt und wissenschaftlich beschrieben sind (es gibt auch jede Menge objektive Nahostforschung).

Kann jetzt jeder selbst entscheiden, wen er sympathischer findet, den gewalttätigen, kriegstreibenden Unterdrückerstaat oder das unterdrückte Volk mit den gewalttätigen, kriegstreibenden Widerstandsgruppen... weil einfach zusehen wollen wir ja als politisch engagierte Weltbürger*innen alle nicht, oder? Es leiden ja leider vor allem die MENSCHEN beider sog. "Völker" darunter, und zwar nicht zu knapp, und um die sollte es doch gehen, nicht die Ideologien der dortigen Gruppierungen oder gar unsere eigenen Blendungen und Selbstüberschätzungen.

Fragen, die sich mir stellen, wären u.a.:
Kann man als jüdischer Staat antisemitisch sein?
Kann man als ganzes "Volk" antisemitisch sein?
Warum ist Antisemitismus "schlimmer" als jede sonstige Art von Rassismus?
Ist "Volk" bzw. "Nation" als Konzept nicht völlig überholt?
Warum akzeptiert die Linke weitgehend den offenkundigen Nationalismus Israels, wo sie doch sonst so antinational eingestellt ist?
Welche Chance hat ein palästinensisches "Volk", sich zu wehren, ohne antisemitisch zu sein, wenn der Unterdrücker sich explizit als semitischer Staat ausgibt?
Welche Formen des Widerstands sind erlaubt?
Welche Formen der Staatsbildung auf ehemals fremdem Territorium sind erlaubt?
Warum kommt kein "Gandhi des Nahen Ostens"?
Wie würde ein Naher Osten aussehen, wo wirkliche Menschenrechstpolitik durchgesetzt würde, anstelle der aktuellen "Israel-darf-alles-Politik" durch die einflussreichsten Mächte USA und Europa? Wenn Israel nicht mehr ökonomisch von der Besetzung sowie der Arbeitskraft der Palästinenser profitieren, sondern mit allen Bürgern gemeinsam einen Staat aufbauen würde? Wenn Religionszugehörigkeit endlich mal wurscht und (in allen Ehren gehaltene) Privatsache wäre?
etc etc etc

Interessanterweise hatte Marshall B. Rosenberg mit seinem bekannten Konzept der gewaltfreien Kommunikation auch im Nahen Osten so manche (kleinen) Erfolge... wär das nicht ein Ansatz?
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