Der autoritäre Planet - Prof. Rainer Mausfeld im Interview

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yova
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Der autoritäre Planet - Prof. Rainer Mausfeld im Interview

Beitrag von yova »

„Im Kampf gegen Machtkonzentration, Demokratieabbau und Totalüberwachung reicht Empörung allein nicht aus"


Leseprobe:
Von oben ausgerufene oder verordnete Kämpfe, ob gegen sogenannte Fake News, Populismus oder gegen den Klimawandel würden nicht dem Gemeinwohl, sondern den Interessen der ökonomischen und politisch Mächtigen dienen? Wie das? Können Sie das an Beispielen belegen?

Alle von oben, also von den Zentren der Macht verordneten Kämpfe dienen grundsätzlich nicht dem Gemeinwohl, weil Zentren der Macht ihrem Wesen nach keine moralischen Akteure sind und stets nur das Ziel einer Stabilisierung und Ausweitung von Macht verfolgen. Die Idee eines Gemeinwohls ist ihnen wesenhaft fremd. Sie sehen sie sogar als gefährlich an, weil sie ihre Macht destabilisieren könnte. Dennoch nutzen sie natürlich diese Idee rhetorisch, weil sie — ähnlich wie das Wort Demokratie — besonders wirksam zur Manipulation der Bevölkerung ist. Im Kontext von Machtbeziehungen gehören also all diese Begriffe zum Bereich der Indoktrination und Ideologie, weil sie die tatsächlichen Machtverhältnisse gerade verschleiern sollen.

Indirekt können natürlich tatsächliche Fragen eines Gemeinwohls oder der Gesundheit der Bevölkerung in die Überlegungen zur Machtstabilisierung der Herrschenden eingehen, weil sie für kapitalistische Produktionsprozesse wichtig sein können und weil sich ihre öffentliche Wahrnehmung auf das Wahlverhalten auswirken kann. In diesem Sinne können Staaten auf indirekte Weise auch zu moralischen Akteuren werden, nämlich in dem Maße, wie sich natürliche moralische Kategorien von der Basis der Gesellschaft über demokratische Mechanismen nach oben wirksam machen lassen.

Der gesamte öffentlich politische Diskurs illustriert diese Mechanismen. Nur noch eine kleine Bemerkung zu Fake News, weil dieser Ausdruck gegenwärtig eine so prominente Rolle im Dissensmanagement spielt. Die Erzeugung von tatsächlichen Fake News gehört seit je zum Kern des propagandistischen Werkzeugkastens einer Machtsicherung. Das gilt im besonderen Maße für kapitalistische Demokratien, da die demokratische Maske ohne Propaganda — und damit ohne Verwendung von Fake News — nicht aufrechtzuerhalten wäre. Ohnehin müssten, wie Walter Lippmann schon Anfang der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts feststellte, „news and truth“ klar unterschieden werden.

Medien dienen grundsätzlich nicht zur Verbreitung der Wahrheit, sondern den politischen und ökonomischen Interessen derjenigen, in deren Besitz sie sind.

Zu diesen Interessen kann dann auch gehören, dass Medien sich bei Themen, die an der Peripherie von Machtinteressen liegen, um eine wahrheitsgetreue Berichterstattung bemühen, um in der Bevölkerung die Illusion ihrer Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit zu fördern.

Unter dem Aspekt von Manipulationstechniken gehört der Begriff Fake News zu den besonders wirksamen Methoden, durch die sich im Kopf ein Nebel der Verwirrung erzeugen lässt. Mit einer Fake-News-Strategie lässt sich die für jedes rationale Denken wichtige Unterscheidung von „wahr“ und „falsch“ so zersetzen, dass intellektuelle Bemühungen, herauszufinden, welche Behauptungen über die gesellschaftliche Welt eigentlich wahr sind, schlicht irrelevant werden. Es geht dann nicht mehr um Wahrheit, sondern nur noch darum, wer die Macht hat, seinen eigenen Standpunkt zur Wahrheit zu erklären und alles andere als Fake News zu ächten und aus dem Debattenraum auszugrenzen. Wenn nämlich etwas durch die Mächtigen als Fake News etikettiert ist, soll niemand mehr wagen, überhaupt auf die Idee zu kommen, eine Behauptung auf ihre Wahrheit oder Falschheit zu überprüfen.

Propagandakonzepte wie Fake News haben also die Funktion, abweichende Meinungen zu stigmatisieren und zugleich überhaupt unsere Befähigung zu einem rationalen Denken zu zersetzen.

Übrigens gilt Gleiches für den aktuell wieder besonders beliebten Ausdruck „Verschwörungstheoretiker“. In der Sache ist der Ausdruck Verschwörungstheoretiker ohne Sinn — und wer ihn im politischen Kontext verwendet, ohne Verstand. Das ist in diesem Bereich freilich kein Manko, denn hier geht es um Macht. Wie wirksam sich der Ausdruck Verschwörungstheoretiker zum Schutz von Machtverhältnissen verwenden lässt, kann man tagtäglich in politischen Auseinandersetzungen beobachten. Dankenswerterweise offenbaren Medien allein dadurch, dass sie diesen Ausdruck in einem solchen Ausgrenzungssinne verwenden, wie hemmungslos sie sich in den Dienst der Stabilisierung herrschender Machtverhältnisse stellen.
https://www.rubikon.news/artikel/der-autoritare-planet

Kritzelbert
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Re: Der autoritäre Planet - Prof. Rainer Mausfeld im Interview

Beitrag von Kritzelbert »

Hier zwei interessante Beiträge von nicht-mächtigen Leuten. Sie haben nachgedacht und Begriffe analysiert und reden darüber.

Verschwörungstheorien sind vielleicht nicht immer falsch. Aber ich würde behaupten mindestens 99% schon. Soll ich jetzt wegen 1% mir den ganzen anderen verrückten Kram anhören? Dann les ich lieber einen Fantasyroman. Da kommen auch immer diese dunklen Bösewichte vor.

https://www.mixcloud.com/bsannefrank/ve ... pril-2020/

Ansonsten gerne auch das Orginal zu diesem schon fast uralten Thema: Karl Popper (60er Jahre). So jetzt habe ich noch jemand schlauen zitiert und fühle mich auch ganz intelligent. Juhu!

https://www.youtube.com/watch?v=f6vzJgeKZxg

Christoph
Mitglied in keiner mächtigen Organisation (oder vielleicht doch :o )

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